Zum Greifen nah und trotzdem nicht erreichbar…

… so oder ähnlich ergeht es Muskelerkrankten und ALS- Betroffenen, wenn ihnen die Kraft in der Hand schwindet, wenn ein Glas oder ein anderer Gegenstand nicht mehr sicher festgehalten werden kann. Dann kommt Frust auf, Hilflosigkeit schreit nach einer Lösung. Dass es diese in vielen Fällen geben kann, demonstrierte Herr Hagendorff von der Firma Exxomove im ALS- Gesprächskreis Hannover Region am 15. August 26 (Dank an Matthias Schulze aus Wolfsburg für die Vermittlung es Kontakts).

Die Carbonhand als Kraftunterstützung für die Hand vorzustellen, war Ziel des Vortrags mit Demonstration des Referenten.

Zuerst streifte sich Herr Hagedorn eine Art dreifingerigen Handschuh mit Sensoren an Daumen und zwei Fingern über. Damit demonstrierte er, wie Flaschen, Gläser, Kaffeekannen und andere Dinge sicher gegriffen werden können.

Die Carbonhand funktioniert über einen Motor, der am Körper getragen wird und der die Finger im Handschuh über Kunstsehnen ansteuert. Je nach Bedarf kann die Festigkeit des Zugriffs eingestellt werden. Die individuelle Anpassung an die Verwender geschieht über eine App, die z.B. über das Handy intuitiv bedient wird. Über eine Feststellfunktion kann der Greifschluss fixiert werden, d.h. der Gegenstand bleibt fest in der Hand.

Die Carbonhand ist für die Bedienung von Maschinen und zum Autofahren (muss nicht im Führerschein eingetragen sein) geeignet. Ausnahmen gelten für mit Starkstrom betriebene Geräte. Das Hilfsmittel ist abwaschbar bei 40 Grad im Waschbecken oder im Beutel in der Waschmaschine. Kontakt mit Oel oder einer Flechse sollte vermieden werden. Um solche Situationen zu vermeiden, sollte ein Schutzhandschuh überzogen werden. Ebenso bei der Gartenarbeit.

Eine Doppelversorgung für rechts und links ist möglich. Zum An- und Ausziehen wird die Standby- Funktion aktiviert.

Für den Gebrauch gibt es allerdings eine Einschränkung: Die Benutzung erfordert eine Restkraft im Muskel, vor allem zum Öffnen der Hand. Wenn die eigene Hand nicht mehr selbstständig geöffnet werden kann, ist die Carbonhand nicht mehr erfolgreich nutzbar.

Die Kosten für die Carbonhand werden von den Kostenträgern übernommen. Die Beweisführung wird über eine Videoaufnahme vorgenommen. Ein Mitarbeiter der Firma kommt zu den Anwendern und macht eine zweistündige Testung, in der sichtbar wird, dass für die Patienten ein Mehrwert im Alltag oder bei der beruflichen Wiedereingliederung erreicht wird. Die Beweisführung (per Video) ist gerichtsfest für den Fall, dass eine Klage nötig sein sollte. Die Hilfsmittelnummer lautet: 23.07.06.0001

Im Anschluss an seinen Vortrag nahm sich Herr Hagedorn viel Zeit, um mit jeder/ jedem interessierten Teilnehmerin/ Teilnehmer das Produkt auszuprobieren und Fragen zu beantworten.

Nicht nur dafür dankten die Teilnehmenden mit langanhaltendem Applaus und die Gesprächskreisleiterin, Ingrid Haberland, mit einem Glas Honig.

Im informellen Austausch unter den Anwesenden kamen zahlreiche Themen zur Sprache: Reisen mit großem Rolli und Lifter z. B. sowie Möglichkeiten, die eigene Stimme für den Sprachcomputer aufzunehmen. Außerdem erfolgte ein Austausch zum Umgang mit „Ambulanzpartner“ und dem Medikament „DMC“ (Dextromethorphan/ Chinidin); einem Medikament, das bei der ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) zur Linderung von Sprech- und Schluckstörungen sowie unkontrolliertem Lachen oder Weinen eingesetzt wird.

Für die praktische Unterstützung bei der Hilfsmittelbeschaffung soll das Merkblatt „Hilfsmittel – Beschaffung -Prozessbeschreibung (Faustregel)“ dienen, das im Kreis verteilt wurde.

Zum Schluss der Veranstaltung gab Ingrid Haberland noch den Hinweis, dass im Henriettenstift Hannover eine von der DGM finanzierte Patientenlotsin tätig wird. Sie soll u.a. dafür sorgen, dass Patientinnen und Patienten möglichst alle Untersuchungstermine an einem Tag bekommen.

Im übertragenen Sinn ergriffen von dieser positiven Nachricht verabschiedeten sich die Teilnehmenden bis zum nächsten Treffen.

Ulrich Germar

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